Hanno Heiss ist in Pelly Crossing

Heute früh haben wir den Checkpoint in Carmacks geschlossen. Einen Teil der Crew habe ich dann nach McCabe Creek gebracht. Jan Francke (430) und Marianne Heading (430) waren zu dieser Zeit dort und haben sich erholt.

Jetzt bin ich in Pelly Crossing. Hier habe ich Hanno Heiss (430) angetroffen. Seine Beine sehen schon etwas besser aus. Natürlich ist er sehr müde. Aber ich denke, wenn er bis Sonntag durchhält, dann packt er das. Denn dann bekommen wir mit etwas Glück eine Woche Sonnenschein und Temperaturen um die – 15 bis – 20 Grad. Das hebt die Stimmung und gibt sicher allen Teilnehmern einen Schub. Auch Mountainbiker Tim Sommers aus Australien ist hier und wie immer bester Laune.

In Kürze erwarten wir in Pelly Crossing Hannos „Verfolger“, den Spanier Joel Jaime Casademont (430). Auch Joel ist eine Frohnatur und fit wie ein Turnschuh. Allerdings machen ihm seine Füße zu schaffen. Dahinter kommen dann Neil Thubron (300) und Mountainbikerin Pat Cooke-Rogers (430). Ein ganzes Stück hinter ihnen kommt Daniel Benahmmou (300).

Eine etwas größere Gruppe Teilnehmer befindet sich auf dem Weg nach McCabe. Dazu gehören auch Bernhard Hasenbalg (430) und Jörn Theissig (430) aus Deutschland. Beide habe ich in Carmacks getroffen und es ging ihnen sehr gut.

Ganz vorne im Feld liefern sich jetzt die Mountainbiker Enrico Ghidoni (430) und Derek Crowe (430) ein Rennen und ziehen das Teilnehmerfeld ganz schön auseinander.

Das Schlimmste haben wir überstanden

Nach ein paar sehr dramatischen Tagen sind die Teilnehmer und das Orga-Team sehr froh über fast schon frühlingshafte –15 bis –20 Grad Celsius. Leider kam diese Wende für viele Athletinnen und Athleten zu spät. Zahlreiche Fälle von Frostbite, aber auch andere Probleme haben den Teilnehmern schwer zugesetzt und auf der 300-Meilen-Distanz dazu geführt, dass nur noch vier von ihnen unterwegs sind.

Aus deutscher Sicht war es sehr schön, dass Helmut Haberkost die 100 Meilen noch erfolgreich gemeistert hat. Das ist so schon eine tolle Leistung. Bei den Temperaturen, die wir hatten, ist es mehr als bewundernswert.

Hanno Heiss (430) musste sein Tempo etwas verlangsamen bzw. ziemlich lange rasten. Er hatte stark geschwollene Waden. Dr. Mathias Steinach, der eine Studie mit den 430-Meilen-Teilnehmern durchführt, hat sich umgehend um Hanno gekümmert und ihn betreut. Nach den entsprechenden Maßnahmen sahen Waden und Fuß schon deutlich besser aus und Hanno konnte wieder aufbrechen. In diesen Minuten dürfte er schon in McCabe ankommen, wo Page und Luke aus unserem Team auf ihn warten.

Leider mussten gestern noch Christoph Kurth (430) und heute Nicole Dörr (430) aufgeben. Beide hatten Probleme mit Entzündungen. Und beide werde ab morgen noch ein wenig der Crew helfen. Was mich natürlich sehr freut. Bernhard Hasenbalg (430) und Jörn Theissig (430) konnten das Carmacks Zeitlimit von 4 Tagen und 12 Stunden ohne Probleme einhalten. Sie sind bester Laune. Sind sie eigentlich immer. Bernhard hat sich schon ausgeruht und Jörn wird noch ein wenig rasten. Um 03:00 Uhr früh will er wieder los.

Der MYAU – aus physiologischer Sicht

von Dr. Mathas Steinach, Zentrum für Weltraummedizin Berlin, Deutschland

Menschen sind gleichwarme Säugetiere, was bedeutet, dass stets eine stabile Temperatur (die Körperkerntemperatur) aufrechterhalten wird, unabhängig von Änderungen der Umgebungstemperatur. Dieser evolutionäre Schritt war ein Vorteil gegenüber Tieren, die auf äußere Wärmequellen angewiesen sind, wie z.B. Reptilien. Andererseits erfordert eine konstante Kerntemperatur adäquate Wärmeproduktion und kann so einen hohen Energiebedarf nach sich ziehen.

Sich sehr tiefen Temperaturen auszusetzen – wie sie bei dem diesjährigen Montane Yukon Arctic Ultra (MYAU) mit -40°C bzw. °F (und sogar noch darunter) auftraten – bedeutet eine enorme physiologische Herausforderung für den Organismus, da die Aufrechterhaltung einer stabilen Kerntemperatur bei derart niedrigen Temperaturen ohne angemessene Gegenmaßnahmen zunehmend schwieriger wird.

Da die Teilnehmer des MYAU langdauernd körperlich belasten entsteht während dessen eine erhebliche Menge an Wärme. Dabei muss man berücksichtigen, dass nur rund 20 bis 30 Prozent der internen chemischen Energie in mechanische Arbeit umgesetzt werden kann – also in Fortbewegung wie Laufen, Wandern, Radfahren etc. Diese „Ineffizienz“ ist ein offensichtlicher Vorteil währen des MYAU, da die freigesetzte Wärme dabei unterstützt die Körperkerntemperatur bei 37°C (98°F) zu halten. Gleichfalls steigt so natürlich der Energiebedarf mehrfach an – durch die körperliche Belastung sowie um die Kerntemperatur in der kalten Umgebung stabil zu erhalten. Der daraus resultierende Energiebedarf kann dabei sogar die Energiezufuhr durch die Nahrung überschreiten, was sich letztlich in einem Verlust an Körpermasse abzeichnet. Die ist auch der Grund, weshalb die Untersuchung von Veränderungen in Körpermasse, Körperzusammensetzung, Energieumsatz und den assoziierten Hormonen während des MYAU von so großem Interesse sind.

Probleme mit der Thermoregulation bei Rennen wie dem MYAU können entstehen, wenn mehr Wärme verlorengeht, als produziert wird, das Risiko dafür ist dabei natürlich um so größer, je tiefer die Umgebungstemperaturen liegen. Das Zeitfenster für Toleranzen wird sehr viel kleiner wenn die Temperaturen -40°C oder sogar -50°C und darunter betragen. Verstärkt wird der Effekt wenn ein Teilnehmer sich überanstrengt hat und die verschiedenen Lagen seiner Kleidung durchgeschwitzt sind. Falsche Entscheidungen – wie z.B. die Handschuhe zum falschen Zeitpunkt auszuziehen – können schnell zum sogenannten „Frostbite“, also Erfrierungen führen – einer lokalen Hypothermie bei der das Gewebe einfriert – hauptsächlich an ausgesetzten Körperstellen wie Finger, Zehen und Nase, was durch Nekrosebildung zum Verlust dieser Körperteile führen kann. Die Hypothermie kann jedoch auch den gesamten Körper betreffen wenn die Körperkerntemperatur sinkt und dies zum Kältezittern führt (was als Gegenmaßnahme des Körpers Wärme produziert), sowie im weiteren Verlauf zu Verwirrung, irrationalem Verhalten, Rückgang in Atmung und Blutdruck und zuletzt zu Herzversagen führen kann. Selbst wenn eine Person aus der kalten Umgebung gerettet werden konnte, können weiterhin Arrhythmien des Herzens auftreten, ausgelöst durch eine Imbalance der Elektrolyte durch den Rückfluss von Blut und Lymphe aus wiedererwärmten Körperteilen in das Körperzentrum. Aus diesem Grund muss solch ein Patient mit großer Vorsicht behandelt werden.

Eines unserer schwersten Rennen

04:45 Uhr. Scuttlebutt Lodge bei Braeburn. Zeit für ein erstes Update in deutscher Sprache. Hier werde ich mich auch immer auf die deutschsprachigen Teilnehmer konzentrieren. Die internationalen News gibt es auf unserer englischen Seite.

Wir sehen gerade sicherlich eines unserer schwersten Rennen. Nach der Wettervorhersage vor dem Start haben wir das befürchtet und den Athletinnen und Athleten entsprechend ins Gewissen geredet. Die Strecke zum ersten Checkpoint, Rivendell Farm, haben dann auch sehr viele Teilnehmer hervorragend gemeistert.

Der Schweizer Ignatios Konstantin (430) hatte leider das große Pech, sich auf der Hinreise eine Erkältung einzufangen. Dadurch hatte er bei diesen Bedingungen keine Chance und musste an der Takhini Bridge aufgeben.

Anton Hierschläger (430) hatte auch nicht mehr Glück. Hochmotiviert, top trainiert und gut ausgerüstet ist er gestartet. In einem normalen Jahr, da bin ich mir sicher, hätte er es dieses Mal gepackt. Aber es sollte nicht sein. Die extremen Temperaturen haben dazu geführt, dass er Probleme mit den Händen bekam. Er hat das einzig richtige gemacht und aufgegeben. Ich denke, dass haben auch die Ereignisse der folgenden Nacht gezeigt.

Deutlich besser lief es für Michael Brehe aus Deutschland. Er konnte als zweiter Teilnehmer die Ziellinie der 100 Meilen überqueren. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass er die Strecke mit Rucksack zurückgelegt hat. Kein Schlitten. Das hat vor ihm noch keiner geschafft bzw. erst gar nicht versucht. Leider hat aber auch Michael der "Frostbite" erwischt. In seinem Fall waren es die Hände. Nicht lange nach seinem Finish hat er einen Transfer nach Whitehorse bekommen und wird sicher noch eine Weile brauchen, sich zu erholen. Das gesamte MYAU-Team wünscht gute Besserung!

Helmut Haberkost (100) ist noch im Rennen. Er ist langsam, aber er macht das genau richtig. Bei dieser Kälte darf man keine Fehler machen. Das geht am besten, wenn man nicht an seine Grenzen geht. Als Postbote ist Helmut bei jedem Wetter draußen und er hat auch bei kaltem Sauwetter daheim die Briefe in kurzen Hosen zugestellt. Gutes Training für den MYAU. Ich würde mich sehr freuen, wenn er es packt.

Patrick Kern (300), ebenfalls Deutschland, musste leider aufgeben. Er ist derzeit noch am Dog Grave Lake, wo viele Teilnehmer auf ihre Evakuierungen warten. Er hatte sich für die Diziplin Skilanglauf entschieden. Das ist so schon sehr schwierig. Bei dieser Kälte ist es fast unmöglich. Noch habe ich nicht mit ihm sprechen können, aber es sollte ihm den Umständen entsprechend gut gehen.

Einen hervorragenden Lauf bisher hat Hanno Heiss (430). Und bei so vielen Teilnehmern mit Problemen ist es natürlich schön, wenn es zwischendurch auch einmal positive Nachrichten gibt. Hanno, der aus dem italienischen Pfalzen kommt, ist bereits auf dem Weg zum Ken Lake. Auch Bernhard Hasenbalg (430) ist gut dabei und in Braeburn angekommen. Ebenfalls noch im Rennen sind Powerfrau Nicole Dörr (430), Jörn Theissig (430), Peter Felten (430) und Christoph Kurth (430). Christoph ist vor einer Weile bereits aufgebrochen und auf dem Weg nach Braeburn. Er ist sicher einer der Wenigen, die bei so einer Kälte unterwegs sein können. Nicole, Jörn und Peter haben sich entschieden, das kalte Wetter ein wenig auszusitzen. Und das ist gut so. Sie sitzen das Extremwetter aus. Denn ab morgen soll es etwas "wärmer" werden.

Wissenschaftliche Studie der UAF

Das Institute of Arctic Biology der University of Alaska Fairbanks (UAF) plant die Durchführung einer Studie beim MYAU 2015. Dr. Robert Coker, Professor an der UAF, hat über 15 Jahre Erfahrung bei der Untersuchung der Auswirkung verschiedener physiologischer Szenarien auf den Metabolismus. Dr. Robert Coker arbeitet dabei eng mit Dr. Steinach von Zentrum für Weltraummedizin der Charité zusammen.

Während Dr. Steinach schon zum zweiten Mal dabei ist und einen Fokus auf die 430-Meilen-Teilnehmer und speziell die Läufer/-innen hat, möchte Dr. Coker auch die 100-Meilen-Starter untersuchen und dies auch über alle Disziplinen. Die Infos zu Dr. Cokers Studie habe ich leider nur in Englisch. Für die Athleten ist eine Teilnahme sehr interessant, da die Ergebnisse wertvollen Input für eine Analyse der Leistung beim MYAU und für zukünftige Abenteuer liefert. Athleten, die interessiert sind, schicken bitte eine Email an Dr. Coker (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Neuigkeiten zu den Streckenbedingungen

Noch vor einigen Tagen hat es so ausgesehen, als müssten wir den Startort vielleicht wieder verlegen. Insgesamt war die Strecke aufgrund des relativ warmen Wetters und Schneemangels nicht in bestem Zustand. Besonders auf den Flüssen. Doch jetzt sieht es schon viel besser aus. Ein Start in Whitehorse wird immer wahrscheinlicher. Die gegenwärtige Kälte und der Neuschnee haben dem Trail sehr gut getan. Trotzdem kann es auf den Flüssen noch etwas holprig sein. Und der sog. „Overflow“ könnte an mehr Stellen als sonst für Probleme sorgen. Deshalb empfehle ich allen Athleten, sich sehr gut auf „Overflow-Situationen“ vorzubereiten. Trockene Ersatzkleidung, Feuerstarter/Feuerzeug/Streichhölzer wasserdicht verpackt und an verschiedenen Orten verstaut, gehören dazu. Ebenso die nötige Vorsicht. Wenn die Crew an einen „Overflow“ kommt und eine Umgehung möglich ist, markieren wir entsprechend. Das Problem dabei ist, dass diese Stellen sehr unberechenbar sind. Während ein Athlet noch Probleme haben kann, ist der gleiche Streckenabschnitt ein paar Stunden später vielleicht schon wieder leicht passierbar. Und umgekehrt.

Außerdem kann es immer Neuschnee geben. Das macht uns das Leben nicht leichter. Wenn der Schnee es schwierig oder unmöglich macht, dem Trail zu folgen, ist die Empfehlung eindeutig: Warten! Warten bis andere Teilnehmer kommen und man gemeinsam eine vernünftige Entscheidung trifft, oder Warten, bis unsere Crew kommt und den Trail wieder sichtbar macht. Natürlich zehrt es an den Nerven, wenn man zu einem ungeplanten Stopp gezwungen wird. Auf keinen Fall sollte der „Help-Knopf“ am SPOT gedrückt werden. Denn für uns ist das ein Signal, dass der Teilnehmer aufgeben will. Also, in jedem Fall besser auf Crew warten. Wir sind uns des Problems bewusst und versuchen, möglichst schnell die Strecken zu befahren. Wenn du Schneeschuhe hast, nimm diese in jedem Fall mit. Sagt der Wetterbericht keinen Neuschnee voraus, kannst du die Schneeschuhe immer noch im Hotel lassen, oder ein einem „Drop Bag“ deponieren.

Das Schlafsystem verbessern

Die Wetterveränderung erinnert uns daran, dass es wirklich sehr kalt werden kann. Versichere dich daher bitte, dass dein Schlafsystem der Herausforderung gewachsen ist. Bitte denk daran, dass die angegebene Extremtemperatur deines Schlafsacks (gilt auch für Leihschlafsäcke!) nicht bedeutet, dass man in diesem Fall einen guten Schlaf finden wird. Im Gegenteil, es besteht die Gefahr einer Unterkühlung. Du brauchst also eine gute Matte, einen warmen Liner oder „Vapor Barrier Liner“ und einen Biwaksack. Versuch nur dort zu schlafen, wo du nicht zu sehr den Elementen ausgesetzt bist und mache deine Rast nicht in sog. „Cold Spots“ (z.B. Seen oder Flüsse).

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